Die meisten Leute, die auf die Insel Rügen fahren, haben einen klaren Plan. Sie wollen die Kreidefelsen sehen, in Binz die Promenade entlang schlendern, vielleicht mit der Schmalspurbahn fahren. Das sind großartige Dinge. Aber meine Familie und ich haben vor ein paar Jahren einen anderen Ansatz gefunden. Wir wollten nicht nur die Postkartenmotive, wir wollten eine Woche lang wirklich an einem Ort sein. Nicht durch ihn hindurchfahren. Das führte uns nach Baabe, und zu einer überraschenden Entscheidung: den Autoschlüssel für den gesamten Urlaub im Schrank zu lassen.
Baabe ist einer der drei sogenannten Ostsee-Bäder auf Rügen. Viele Besucher nutzen den Ort vor allem als günstigere Übernachtungsbasis für Ausflüge in die gesamte Region. Das ist verständlich, aber es übersieht die Qualität, die entsteht, wenn man sich Zeit nimmt. Die Idee, autofrei zu bleiben, kam uns nicht aus Prinzip, sondern aus praktischer Beobachtung. Als wir das erste Mal die Ferienwohnung bezogen, stellten wir fest: Alles, was wir für einen perfekten Strandtag brauchten, war in weniger als zehn Minuten zu Fuß erreichbar. Der Supermarkt, der Bäcker für die frischen Brötchen am Morgen, der Weg zum feinen Sandstrand. Der Aufwand, das Auto nur für diese Wege zu bewegen, schien plötzlich absurd.
Also ließen wir es stehen. Was folgte, war nicht ein Gefühl des Verzichts, sondern eine unerwartete Freiheit. Der Urlaub gewann eine andere Geschwindigkeit. Statt “Wohin fahren wir heute?” wurde die Frage “Was entdecken wir heute hier?”.
Die Geometrie der Bequemlichkeit
Die Machbarkeit eines autofreien Urlaubs steht und fällt mit der Logistik vor Ort. In Baabe funktioniert das wegen einer einfachen geometrischen Tatsache: Der Ort ist schmal und lang gezogen, parallel zur Küste. Die zentrale Achse, die Straße “Zum Strand”, führt Sie direkt von der Bushaltestelle und den meisten Unterkünften bis zur Seebrücke. Diese Strecke misst knapp 800 Meter. Das bedeutet: Von fast jedem Punkt im Ort sind es maximal 15 Gehminuten bis zum Wasser. Für Familien mit kleinen Kindern ist das ein entscheidender Vorteil. Die Ausrüstung – Eimer, Schaufel, Schwimmringe – muss nicht minutiös geplant und ins Auto gepackt werden. Wenn die Mittagssonne zu stark wird, kann eine Person mit den Kindern nach Hause gehen, während die andere die Sachen nachträgt. Diese Flexibilität ist mit Auto nicht einfacher, sondern komplizierter, weil man dann über Parkplätze nachdenken muss.
Die Versorgung ist entlang dieser Achse organisiert. Wir haben für eine siebentägige Woche einen Großeinkauf für Grundnahrungsmittel mit einem Taxi vom Bahnhof Sellin gemacht (Kosten: unter 10 Euro). Alles andere, vom frischen Fisch über Obst bis zur Zeitung, besorgten wir täglich zu Fuß. Die Strecken sind so kurz, dass selbst ein Regenschauer kein Problem ist. Man ist schneller zu Hause, als man in einem überfüllten Parkhaus einen Platz gefunden hätte.
Die Entdeckungen im Schritttempo
Ohne Auto nimmt man seine Umgebung anders wahr. Man bemerkt Dinge, die sonst im Vorbeifahren verschwinden. Der Weg zum Strand in Baabe führt durch einen kleinen, duftenden Kiefernwald. Jeden Morgen rochen wir den harzigen Waldboden, sahen die Sonne durch die Bäume streifen und hörten die Vögel, bevor wir das Rauschen der Wellen dazu bekamen. Diese Sinnesübergänge sind ein Ritual, das verloren geht, wenn man auf einem Parkplatz aussteigt.
Zu Fuß oder mit dem Fahrrad erschließen sich auch die Nachbarorte neu. Der Wanderweg auf dem Deich nach Sellin ist eine flache, etwa 30-minütige Wanderung mit ständigem Blick aufs Meer. In Sellin angekommen, ist die berühmte Seebrücke das Ziel. Die Rückfahrt mit der Usedomer Bäderbahn (der “Rasende Roland”) ist ein Erlebnis für sich und kostet pro Person nur wenige Euro. Ein Tagesausflug nach Göhren, dem Endpunkt der Insel, ist mit demselben nostalgischen Zug problemlos möglich. Das Ticket für den Tag gilt für den gesamten Abschnitt. Der große Vorteil: Man steigt aus, sieht sich um, steigt wieder ein. Keine Parkgebühren, keine Sucherei, kein Stress. Man ist einfach nur Reisender.
Was Sie brauchen, wenn Sie es versuchen wollen
Ein autofreier Urlaub erfordert ein wenig andere Vorbereitung. Es ist kein Abenteuer, sondern eine Frage der Planung. Hier ist eine pragmatische Liste, basierend auf unseren Erfahrungen.
- Wählen Sie eine Unterkunft, die explizit gut an den ÖPNV angebunden ist. Viele Vermieter geben die Entfernung zur Bushaltestelle und zum Strand genau an. Eine Distanz über 500 Meter zur nächsten Haltestelle kann mit Gepäck oder bei Regen schon mühsam werden.
- Investieren Sie in einen robusten, klappbaren Bollerwagen. Das klingt altmodisch, ist aber der Game-Changer für Strandtage und Großeinkäufe. Modelle mit luftbereiften Gummirädern rollen auch auf Sandwegen gut. Unserer hat sich in einer Woche amortisiert.
- Machen Sie sich vorab mit den Fahrplänen der Usedomer Bäderbahn (UBB) und der VRB Busse vertraut. Die App “VRB/UBB Fahrplan” ist zuverlässig und zeigt Echtzeit-Abfahrten. Bedenken Sie: Abends und in der Nebensaison fahren die Verbindungen seltener. Planen Sie Ihren Restaurantbesuch entsprechend.
- Packen Sie für alle Wetterlagen. Wenn das Auto nicht als mobiler Kleiderschrank dient, braucht jeder eine wasserdichte Jacke und feste Schuhe direkt im Gepäck. Ein Rucksack pro Person ist besser als eine große Tasche für alle.
- Buchen Sie einen Fahrdienst für die An- und Abreise vom Bahnhof. Fast alle lokalen Taxiunternehmen und viele Vermieter bieten diesen Service pauschal an. Das ist oft günstiger als ein siebentägiger Stellplatz fürs eigene Auto.
- Setzen Sie sich ein realistisches Ziel. Sie müssen nicht die ganze Insel autofrei erkunden. Konzentrieren Sie sich auf Ihren Heimatort und ein, zwei Ausflüge mit der Bäderbahn. Das reicht für eine entspannte Woche völlig aus.
Die Zahlen überzeugen uns: In unserer autofreien Woche gaben wir etwa 85 Euro für Transportmittel aus (Taxi vom/zum Bahnhof, Bahntickets, gelegentliche Busfahrten). Für eine vergleichbare Woche mit täglichen Fahrten zu Zielen auf Rügen hätten wir allein für Benzin leicht das Doppelte einkalkulieren müssen, plus Parkgebühren von 3-8 Euro pro Tag an den Hotspots. Wir sparten nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit und mentale Energie. Der Urlaub begann nicht erst am Ziel, sondern sofort vor der Haustür. Baabe war nicht eine Adresse auf der Karte, sondern unser Dorf geworden. Und das ist ein Gefühl, das bleibt, lange nachdem der Sand aus den Schuhen verschwunden ist.